Kickoff Digital 2019: Spannender Auftakt in Hamburg

VOICE hatte am 30.01. ins Hamburger Hotel Meridien zum Digital Kickoff 2019 eingeladen. Trotz herrlichem Blick über die Außenalster konzentrierten sich die 36 Teilnehmer auf die Themen der fünf Vorträge rund um die Topics Digitalisierung, KI und Innovation.

Kernaussagen des Beitrags

  • Onlinezugangsgesetz erzeugt Handlungsdruck
  • KI ist heute gut zum Analysieren, aber noch nicht zum Automatisieren
  • Digitalisierung bedeutet auch Geschäftsmodell-Veränderung und Verhaltensänderung der Mitarbeiter
  • Guerilla-Taktik ist ein Weg zum Digitalisierungserfolg
  • Wertanteil der KI wird sich bis 2022 verzehnfachen

In allen Vorträgen standen die Themen Digitalisierung und Innovation im Fokus, allerdings aus teilweise sehr unterschiedlichen Perspektiven und Problemstellungen heraus. Tobias Golschmidt, Staatsekretär im Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung des Landes Schleswig-Holstein sprach in seinem Grußwort über die großen Herausforderungen, die die Digitalisierung für sein Bundesland und die Kommunen bereithält.

Onlinezugangsgesetz erzeugt Handlungsdruck

Doch trotz Widrigkeiten wie akutem Personalmangel, manchmal sehr schwer aufzubrechenden Strukturen und bis vor kurzem noch fehlenden Ansprechpartnern zum Beispiel auf kommunaler Ebene, zeigt sich Goldschmidt zuversichtlich bezüglich der Digitalisierung seines Bundeslandes. Allerdings blickt er durchaus mit gemischten Gefühlen auf das Jahr 2022, in dem das Onlinezugangsgesetz von Bund und Ländern verlangt, über 500 Bürgerdienstleistungen Online zur Verfügung zu stellen. Auf der einen Seite sei das natürlich eine große Herausforderung auf der anderen Seite erzeuge es natürlich in den Verwaltungen Handlungsdruck, den man nutzen kann.

KI ist heute gut zum Analysieren, aber noch nicht zum Automatisieren

Arndt Bickhoff, Geschäftsführer VHV solutions GmbH

Arnd Bickhoff, Geschäftsführer der VHV Solutions GmbH, erzählte über erste Einsatzversuche von maschinellem Lernen bzw. KI bei der Hannoveraner VHV Versicherung. Die Ergebnisse waren durchaus gemischt. Einige Erwartungen hinsichtlich Automatisierung wurden deutlich verfehlt. Die VHV hat mit einem eigenen Chat Bot im Bereich IT-Service-Desk experimentiert. Der Chat Bot sei sehr aufwändig zu implementieren gewesen und hätte den 1.Level-Support nicht entlastet, sondern durch nicht zielführende Auskünfte eher belastet.  Bickhoff führt das vor allem auf die zu geringe Datenbasis zurück, die sein Unternehmen zum Training der Algorithmen zur Verfügung stellen konnte. Er wunderte sich ein bisschen darüber, dass die Anbieter solcher Algorithmen und Services nicht ausreichend große Trainingsdatensätze zur Verfügung stellen, damit die Bots zumindest die allgemeinen Anfragen beantworten können.

Digitalisierung bedeutet auch Geschäftsmodell-Veränderung und Verhaltensänderung der Mitarbeiter

Stefan Würtemberger, CDO, Renz Service GmbH

Wie man einen Briefkasten digitalisiert, erfuhren die Teilnehmer von Stefan Würtemberger, CDO bei der Renz Service GmbH. Natürlich ist „Briefkasten“ absichtlich untertrieben. Der 800 Mitarbeiter große Mittelständler Renz stellt in erster Linie Briefkasten und Paktetkastenanlagen für Mehrfamilienhäuser und Wohnanlagen her. Diese Anlagen werden teilweise direkt oder indirekt vertrieben. Noch macht Renz große Teile seines Umsatzes mit klassischen Anlagen und klassischem Produktvertrieb, aber das neue digitale Geschäftsmodell ist auf dem Vormarsch.  Würtemberger – früher CIO von Renz – und sein Team haben die Paketkästen elektronifiziert und digitalisiert. Die Schlösser der Fächer lassen sich per App öffnen, vom Besitzer des Faches und – per Einmalautorisierung von Zustellern und Abholern. Gleichzeitig experimentiert Renz mit ganz neuen Services, zum Beispiel mit einem Wäscheservice, Kühl oder Warmhaltefächern, um auch Lebensmittel zustellen zu können. Doch die Aufrüstung des Paketkastens ist nicht einmal ein Drittel des Weges, den Renz in Sachen Digitalisierung zurücklegen muss. Es gilt das Geschäftsmodell vom Kopf auf die Füße zu stellen vom Produkt-zu einem Servicegeschäft zu machen. Und zu allererst müssen die Mitarbeiter mitgenommen werden. Sie müssen die Chancen verstehen, die in der Digitalisierung stecken und sie müssen ihre Arbeitsweisen und Verhalten ändern. Das ist viel verlangt und geht nie ohne Friktionen ab. Aber bei Renz scheint man auf einem sehr guten Weg zu sein. Ein wunderbares Beispiel für mutige und umfassende Digitalisierungsbestrebungen, die aus dem Mittelstand kommen.

Guerilla-Taktik ist ein Weg zum Digitalisierungserfolg

Robin Mager, Geschäftsführer N-Ergie IT GmbH

Robin Mager von der N-Ergie IT GmbH, dem IT-Dienstleister der Nürnberger Stadtwerke erzählte sehr eindrucksvoll, wie er es geschafft hat, Digitalisierungsbemühungen und Innovation in seinem Unternehmen zu etablieren. Auch die Stadtwerke Nürnberg machen noch den größten Teil ihres Geschäftes mit klassischen Energieverträgen und Mobilitätsdienstleistungen für die Gemeinde. Aber neue digital erweiterte Services zum Beispiel im Mobilitätssektor (Sharing von Elektrofahrzeugen zum Beispiel) oder anderen Geschäftsfeldern der Stadtwerke verlangen starkes Umdenken. Mager hat sehr gute Erfahrungen mit dem gemacht, was er Guerilla-Ansatz nennt. Eine kleine Gruppe von digital affinen Mitarbeitern begeistern, sich mit Ihnen Ideen auszudenken, sehr schnell über diese entscheiden und soweit vorantreiben, bis sich Erfolgsaussichten abzeichnen. Das koste am Anfang kein Budget, „nur“ Zeit. Mager hat sehr viel Eigeninitiative gezeigt, hat zum Beispiel einen Raum „gekapert“ ihn mit Bordmitteln und Wochenendeinsatz in einen Innovationsraum umgewandelt, in dem sich seine Teams treffen und über ihre Digitalisierungsideen sprechen und entscheiden können. Das stieß am Anfang auf große Widerstände berichtet Mager, aber inzwischen habe sein Konzept innerhalb des Gesamtunternehmens Schule gemacht. Inzwischen wolle jeder so einen Raum. Mager empfiehlt übrigens die Methode Lean Startup, um Innovationen schnell ins Unternehmen zu bringen.

Wertanteil der KI wird sich bis 2022 verzehnfachen

Björn Böttcher, Lead Analyst Crisp Research

Björn Böttcher, Lead Analyst bei Crisp Research schaute für die Teilnehmer ein paar Monate voraus und wagte einige Prognosen für das Jahr 2019. Er sagt Veränderungen in den vier Quadranten Daten, Digitalstrategie, Menschliche Interaktion und Technologie voraus. Die Quadranten sind wiederum in kleinere Abschnitte unterteilt. Im Bereich Daten zum Beispiel hebt Crisp die Datenverfügbarkeit hervor und prognostiziert die Veränderungen in diesem Segment:

  • Neue Datenquellen: DNA, Gesundheits-, Umweltdaten, Autonome Fahrdaten
  • Connectivity Options: 5G und IoT-Netze
  • Preisverfall auf der Edge: IoT Edge Hardware & Sensoren
  • Operative Reife: Cloud Native Services & Infrastrukturen einschl. Kubernetes
  • Sekundäre Datennutzung: Wird 2019 heiß diskutiert, setzt sich aber noch nicht durch

Im KI-Bereich sieht Böttcher viele neue Möglichkeiten entstehen, glaubt allerdings auch fest an die starke Verbreitung in den Unternehmen. Der Wertanteil der KI in Unternehmen werde signifikant ansteigen. Prognostiziert wird eine Verzehnfachung – von rund 13 Milliarden Euro im Jahr 2018 auf etwa 104 Milliarden Euro im Jahr 2022. Dies entspricht laut Böttcher im Jahr 2022 rund einem Viertel der digitalen Wertschöpfung deutscher Konzerne und untermauert die strategische Relevanz des Themas innerhalb der Digitalisierungsstrategien.