Deutschland und Europa müssen KI europäisch interpretieren

Too little, too late? Die Bundesregierung hat in der vergangenen Woche angekündigt, dass Deutschland bis 2025 rund 3 Milliarden Euro in die KI-Forschung/Technologie investieren wird. Einerseits ist das ein erklecklicher Betrag, anderseits ist es gemessen an den Investitionen, die zum Beispiel China bereits getätigt hat und noch plant vergleichsweise wenig. Oder?

China investiert insgesamt 300 Milliarden Dollar in AI, Chips und Elektrofahrzeuge. Allein die nordchinesische Hafenstadt Tianjin legt einen fünf Milliarden Dollar Fond auf, um AI-Forschung zu fördern. In Bejing entsteht ein auf AI spezialisierter Technologiepark, in den die Regierung 2,1 Milliarden Dollar pumpt. Parallel dazu investieren Chinas große Internet-Player wie Baidu, Alibaba und Tencent in Forschung und Entwicklung sowie in Start-ups. So hat ein Konsortium rund um Alibaba im April rund 600 Millionen allein in das auf Gesichtserkennung spezialisierte Start-up SenseTime investiert. Zwischen 2012 und 2017 sollen in rund 200 chinesische Start-ups insgesamt 4,5 Milliarden Dollar geflossen sein.  Das sind nur einige Beispiele für Projekte, die in Zusammenhang mit Chinas Masterplan „Next Generation Artificial Intelligence Development Plan“ stehen.

Die USA, noch der stärkste Player im Bereich KI, hat zwar kein zentrales AI-Programm aufgelegt, aber die dem Verteidigungsministerium unterstellte Technologieschmiede Darpa als auch die den amerikanischen Geheimdiensten unterstellte Forschungsbehörde Intelligence Advanced Research Projects Activity fördern verschiedene Projekte. Außerdem investieren die US-Hightech-Riesen und Risikokapitalgeber heftig in AI: Allein Google bzw. Alphabet hat seit 2006 knapp 4 Mrd. Dollar in das Thema investiert.

Europa investiert viel in KI

Angesichts des enormen Potentials von AI tun Deutschland und Europa gut daran, eine gemeinsame KI-Strategie und Investitionspläne zu entwickeln. Gemessen an den finanziellen Spielräumen, die Deutschland und Europa haben, sind die Summen, die hier von staatlicher Seite in KI investiert werden, keineswegs niedrig. Zusammengenommen belaufen sich die bisher öffentlich bekannt gewordenen Investitionspläne auf rund 6 Milliarden Euro. Die Hauptlast tragen dabei Deutschland, Frankreich und die EU, die über ihre Forschungsprogramme 1,5 Milliarden Euro investieren wird.

Geld ist die eine, Talent ist die andere Sache. Auch hier sind die Europäer im Hintertreffen. Sowohl US- als auch chinesischen Unternehmen und Institute bieten Forschern sehr gute Rahmenbedingungen und exzellente Bezahlung. Schon jetzt gehören 2 chinesische Universitäten zu den Organisationen, deren Forschungspublikationen zum Thema AI weltweit am häufigsten zitiert werden. Getoppt nur von Microsoft, deren Research-Papers am häufigsten zitiert werden.

Deshalb geht es in Deutschland und Europa darum, die verfügbaren Mittel clever zu investieren. Der Weg, die Mittel in Forschung zu stecken und zwar sehr stark in europäische Cluster-Strukturen und gemeinsame Projekte ist dabei richtig. Nur im europäischen Verbund hat Deutschland eine Chance, ein Gegengewicht zu China und den USA zu entwickeln – nicht nur vom Know-how her. Es geht vor allem darum, ob europäische Unternehmen es dieses Mal schaffen, ihren europäischen Heimmarkt (gern auch als gemeinsamer digitaler Binnenmarkt bezeichnet) von ihren Produkten und Services zu überzeugen. Bei den letzten Hightech-Innovationswellen (Web 2.0, Social Media, Cloud Computing) war das leider nicht der Fall. Da schreckten die Europäer zunächst vor den neuen Technologien zurück und waren in der Folge zu langsam mit Entwicklung und Adaption.

Gesellschaftliche Einbettung bringt höhere KI Akzeptanz

Deshalb ist es richtig, dass Deutschland und hoffentlich in der Folge auch Europa, sich als Ziel nicht nur eine führende Position im KI-Markt gesetzt haben, sondern sich auch die Themen Gemeinwohlorientierung und gesellschaftliche Einbettung des KI-Themas auf die Fahnen geschrieben haben. Experten sehen durch KI große Veränderungen der Arbeitsmärkte und der Arbeit selbst auf die Gesellschaften zukommen. Sie sehen eine bisher nicht dagewesene Automatisierungswelle heranstürmen, die Arbeitnehmern, Freiberuflern und Unternehmen enorme Veränderungsbereitschaft- und Fähigkeit abverlangt. Wennn es die europäischen Länder daher schaffen, ihren Bürgern die Angst vor KI zu nehmen und ihnen die Chancen dieser Technologien zeigen, dann wird aus dem vielkritisierten konsensorientierten europäischen Weg ein sehr großer Vorteil. Allerdings reichen Sonntagsreden nicht, um diese Angst zu besänftigen. Es müssen gute, lokale und zahlreiche Beispiele her, es müssen Gesetze erlassen werden, die die Bürger schützen und, und, und. Das hat offenbar auch die Bundesregierung begriffen und mit der KI-Strategie und dem avisierten Investitionsrahmen ein gutes Signal gesetzt.